Mehr Wind als Jammer

Fröhliche Begegnung in kabbeligem Wasser auf der Förde bei Möltenort. Foto: Frank Behling

Sagen wir es ganz vorsichtig einmal so: Wenn wir segelnd an der Windjammer-Parade zum Abschluss der Kieler Woche teilnehmen, ist immer etwas los auf dem Kutter. Und man kann noch Jahre danach im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis darüber erzählen – und diese wahrscheinlich damit langweilen. 🙂 Und da macht die Parade 2020 wahrlich keine Ausnahme. Es begann alles ganz harmlos, also auch wie immer …

Zu Beginn der Fahrt war noch genug Ruhe, um den einen oder anderen Plausch an Bord zu beginnen. Aber das sollte sich im Lauf der Zeit noch ändern. Foto: har

Zehn Seglerinnen und Segler hatten sich zum Begleiten der Windjammer-Parade am Steg bei „Fritjof“ eingefunden. Die Wettervorhersage versprach zwar zunehmenden Wind; aber so richtig hatte die Vorhersage schon in der gesamten Kieler Woche nicht funktioniert. Die Sonne schien, und wir legten guter Dinge ab. Da wir nichts riskieren wollten, blieb das Großsegel allerdings zunächst unten. Fock, Flieger und Besan mussten reichen – und taten das tatsächlich auch.

Schnell vor die ganze Meute: Da „Fritjof“ als Nur-Segler keine Parade-Geschwindigkeit einhalten kann, war es unsere Idee, uns schnell der Parade vorauszufahren. Foto: har

Den Kutter als Parade-Teilnehmer anzumelden, wäre nicht sinnvoll gewesen. „Fritjof“ als Segler ohne mögliche Motorunterstützung könnte kaum die geforderten vier Knoten gleichmäßige Geschwindigkeit halten. Also wollten wir uns schnell vor das Feld setzen. Die Idee: irgendwo den ganzen Tross gemütlich an uns vorüberziehen zu lassen. Aber da hatten wir nicht die deutsche Bürokratie eingerechnet. Kaum nördlich des Kanals angekommen, wurden wir von einem Polizeiboot aus gegen den Wind angepreit. Das Segeln sei an diesem Tag auf der gesamten Innenförde verboten … Das Segeln ist auf der Innenförde verboten? In Kiel Sailing City? Bei einer Windjammer-Parade?

Sonnenschein und viel Wind – das Segeln ist an diesem Tag auf der Innenförde verboten … Foto: har

Was also tun? Der Paradeaufstellung, die gerade Fahrt aufnimmt, entgegen segeln? Geht nicht. Segeln auf der Innenförde ist ja verboten. Also ganz schnell vor den Wind und raus aus der Innenförde – hinter dem Leuchtturm Friedrichsort wird sich doch wohl ein Plätzchen finden lassen, sowohl zum Segeln als auch zum Gucken. „Fritjof“ schlug sich wacker, mittlerweile unter Vollzeug, und versuchte wohl den Marinekutter vom Mittwoch bei der Langstrecken-Wettfahrt der Kutterregatta nachzumachen. Klappte auch. Fast …

Das Vorstag ist abgängig. Jörn und Stephan versuchen im Bug des Kutters – Ersatzteilkiste sei Dank – das Malheur zu beseitigen. Foto: har

Schon an der engsten Stelle der Förde am Friedrichsorter Leuchtturm warnte Jörn vom Bug aus, dass das Vorstag gefährdet ist. Ein Splint, der das Stag sichert, war gebrochen und im Wasser verschwunden. Das verlangte angesichts des zunehmenden Windes nach einer Reparatur. Dem außergewöhnlichen Klüverbaum und seinem zweiten Vorsegel wegen war der Mast zwar nicht sofort in Gefahr, aber eine Reparatur dennoch sinnvoll. Wir legten uns also hinter dem Leuchtturm auf der Westseite der Förde vor Anker. Und Stephan und Jörn machten sich am Stag zu schaffen. Dummerweise ging das alles nicht so leicht. Das zweite Vorsegel musste ja stehen bleiben, um den Mast zu sichern und zog den Kutter in den Wind – und den Anker hinter sich her. „Fritjof“ lag quer zur Förde. Mit vier Riemen versuchten wir nach Kräften, das Boot auf Spur zu halten. Womit wir leider nicht gerechnet hatten, war, dass die Parade sich nach Passieren des Leuchtturms auf die gesamte Breite der Förde auffächert. Ein Polizeiboot rauschte heran, und die Beamten wollten uns natürlich aus der Bahn haben. Eine kurze Erklärung später, gab es an Bord des Polizeiboots zwei erhobene Daumen. Dann legte sich die Polizei als Sicherung mit Blaulicht hinter uns. Nun waren Stephan und Jörn aber nach wenigen Minuten fertig. Das Stag hielt wieder; die Segel gingen nach oben und wir rauschten wieder gen Norden, zwei freundlich winkende Polizisten hinter uns lassend.

Jetzt bloß ganz schnell weg: Hinter uns wurde es plötzlich eng auf der Förde. Foto: har

Aber noch immer war der Weg zurück versperrt. Bei fröhlichen fünf, sechs Windstärken, in Spitzen sieben, fuhr „Fritjof“ dort lang, wo wir am Mittwoch zuvor mit dem größeren Marinekutter wie mit der Straßenbahn langgerauscht waren. Da Sicherheit vorgeht, bogen wir allerdings nicht erst bei Tonne drei, sondern schon bei Tonne fünf Richtung Schilksee ab, um die Parade Richtung Kieler Bucht weiterziehen zu lassen.

Schon wieder in Schilksee: „Fritjof“ nimmt Kurs Richtung Olympiahafen, um den Kutter in die Landabdeckung zu bekommen. Foto: har

Die Erfahrung der Vorwoche im Hinterkopf wussten wir, dass der Rückweg der anstrengende Teil unserer Tour werden würde. Unter Landabdeckung begannen wir langsam damit, wieder Richtung Kiel zurückzukreuzen. Allerdings hatten wir dieses Mal auch ohne Paradezug mit viel mehr Verkehr zu rechnen: Fähren, Frachter, Kreuzfahrer und Surfer, die vor unserem Bug vom Board plumpsten … ziemlich anspruchsvoll bei einem Meter Wellenhöhe und einem Wind, der immer zwischen sechseinhalb und sieben Beaufort schwankte. Es machte sich sehr bezahlt, dass die komplette Kern-Besatzung der Kieler-Woche-Regatta an Bord war. Das Gegenankreuzen lief auch mit dem kleinen „Fritjof“. Niemand regte sich mehr darüber auf, wenn das Wasser an Lee ins Boot kam oder eine Welle über den Bug, die alle mit Brackwasser überzog. Da machte es auch nichts mehr, dass zwischendurch von oben Süßwasser in Form von Nieselregen dazukam. An Land kam später von einem Beobachter der Parade der Kommentar: „Ihr gehörtet zu den Wenigen, bei denen das Boot die ganze Zeit stabil und sicher aussah.“ Kutter sind halt auch Rettungsboote … 😉 Es war trotzdem Zeit, nach Haus zu fahren. Viele müde Gesichter zeugten davon, dass wir mal ein paar Tage Segelpause zur Regeneration benötigen. Zudem hatte Stephan heftige Schmerzen im Bein; er hatte es sich böse noch am letzten Regatta-Tag verletzt.

Unsere vier „Wellenbrecher“ im Bug: Jörn, Peer, Liv und Cathrine – alle können lachen. Es geht wieder auf halbwegs direktem Weg nach Hause. Foto: har

Wie bei der Regatta selbst war der Weg zurück zum Liegeplatz eine elende Kreuzerei diagonal über die Förde – wo die Sperrgebiete und Untiefen sind, wussten wir im Schlaf. Und auch der Color-Cargo-Frachter, der uns noch auf der Innenförde überholte, konnte niemanden erschrecken. Wie bei allen anderen Hindernissen hieß es nur: „Vorne rum oder hinten rum?“ Kurz nach halb vier legten wir schließlich wieder an. Der Wind hatte inzwischen sogar die Segel so getrocknet, dass wir sie guten Gewissens wieder verpacken konnten. Nach dem Aufklaren saßen alle noch völlig fertig nebeneinander wie die Hühner auf der Stange auf der Begrenzungsmauer zum Steg. Die Verabschiedung an diesem denkwürdigen Tag kam dann gerade noch rechtzeitig. Denn nun nieselte plötzlich nicht ein leichter Schauer auf uns herab, sondern ein Sturzbach prasselte herunter. Der allerdings hätte uns zu unserem Glück auf der Förde wirklich noch gefehlt. Das war also wieder eine Windjammer-Parade, von der wir noch eine ganze Weile erzählen können. Und die Kieler Woche 2020 ist damit für die Marine-Jugend Kieler Förde endgültig Geschichte.
Klaas

Stephan legt lieber die Beine hoch. Am letzten Regatta-Tag hatte er sich noch ein Schienbein verletzt. Foto: har
Unser Tag auf der Förde: Stephan hatte unsere Tour mitgeloggt. Das „Navi“ war in der Backskiste zum Glück trocken geblieben. Screenshot: Stephan
Ein Zwölfer auf der Heimfahrt: Der war natürlich wenige Minuten eher wieder am Liegeplatz als wir. 😉 Foto: har
Nicht nur Windjammer waren bei der Parade unterwegs: Traumhaft schöne Boote aller Größen und Klassen tummelten sich auf dem Wasser. Foto: har
„Fritjof“ vor Friedrichsort – oder wie „unser“ KN-Redakteur Frank Behling zu sagen pflegt: „Kiels Flaggschiff der Marinekutter“. Foto: Frank Behling
Und alle waren sie hinter uns … aber sie durften zunächst auch nur mit „Schrittgeschwindigkeit“ fahren. Foto: har
Die „Alexander von Humboldt II“ aus Bremerhaven, das Führungsschiff der Windjammer-Parade, nimmt langsam Fahrt auf. Foto: har

2 Antworten auf „Mehr Wind als Jammer“

  1. Sehr schöner Bericht! Hatte mir wegen Eurer Rückfahrt Sorgen/Gedanken gemacht. Aber tatsächlich waren ja andere Sachen noch bedenklicher als das Wetter.
    BZ!
    Dieter

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